Arganöl – ein Beitrag Marokkos zum kulturellen Erbe der Menschheit

Vor einigen Wochen konnte ich die Internationale Grüne Woche in Berlin besuchen und war dort auf der Suche nach kulinarischen Neuentdeckungen. Dabei lernte ich am Stand von Marokko das Arganöl kennen, daß in Wirkung und Anwendung extrem vielseitig ist.

Seit 2014 ist es anerkannt als immaterielles Kulturerbe der Menschheit: Das Arganöl oder genauer der Arganbaum (Argania spinosa) und die Jahrhunderte alten Kenntnisse über seine Nutzung und speziell die Herstellung des Arganöls aus seinen Früchten gelten als einzigartig und deshalb besonders schützenswert. Schon 1998 hatte die UNESCO das Gebiet, in dem der Arganbaum vorkommt, zum Biosphärenreservat erklärt. Vorausgegangen waren vom Königshaus initiierte und von der deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit GTZ durchgeführte Projekte, mit denen die handwerklichen und kulturellen Traditionen der Berber vor dem Untergang bewahrt werden sollten. Absolutes Alleinstellungsmerkmal des Arganöls: Es kann nur im Südwesten Marokkos hergestellt werden, denn nur noch dort wachsen Arganbäume, auf einer Fläche von etwas über 800.000 Hektar. Früher weit verbreitet in Nordafrika und sogar in Südeuropa, sind sie heute eine endemische Pflanze, also eine, die nur (noch) in einem einzigen eng umgrenzten Gebiet der Erde zu finden ist.

Als ebenso einzigartig wie der Baum insgesamt – nur rund 15 Meter hoch, aber mit einer fast ebenso breiten flachen Baumkrone -, gilt das Öl, das seit Menschengedenken aus seinen Früchten hergestellt wird. Seine Gewinnung ist äußerst arbeitsintensiv und zeitraubend, wodurch sich unter anderem sein im Vergleich zu anderen Speiseölen relativ hoher Preis erklärt. Der Arganbaum, auch Arganie genannt, trägt in guten Jahren mehrmals im Jahr Blüten und Früchte gleichzeitig. Reif werden die Früchte zumeist in der Zeit zwischen Juli und September, wobei die reifen Früchte stets aus dem Vorjahr stammen. Ihre Ernte gestaltet sich nicht ganz einfach: Wo sie manuell erfolgt, bleibt nichts anderes übrig, als zu warten, bis sie von selbst auf den Boden fallen; Die Äste stehen zu dicht und sind mit zu vielen Stacheln bewehrt, als dass ein Mensch einen solchen Baum zum Abernten der Früchte ersteigen könnte. In den letzten Jahren hat allerdings die maschinelle Ernte zugenommen, wobei sich der Maschineneinsatz in Grenzen hält: Mit einer Rüttelmaschine werden die Früchte vom Baum geschüttelt, fallen auf ein Netz und können dann einfach abtransportiert werden.

Hergestellt werden aus diesen Früchten zweierlei Dinge: ein unvergleichliches Speiseöl und eine stetig wachsende Zahl von Kosmetik- und Pflegeprodukten, wobei sich die Kosmetikindustrie die uralten Kenntnisse der Berber zunutze macht, die das Öl der Arganie schon vor Jahrhunderten als Körperpflegemittel nutzten. Es gibt Berichte von älteren und alten Menschen, die, weil sie sich zeitlebens dem Brauch gemäß mit Arganöl einrieben, buchstäblich faltenfreie Haut haben und oft Jahrzehnte jünger aussehen als sie sind. Kein Wunder, dass dieser Effekt sich irgendwann auch im Rest der Welt herumgesprochen hat.
Ausnahmsweise könnte sich der industrielle Einsatz in diesem Fall als nutzbringend erweisen: Weil aufgrund des Bedarfs der Kosmetik- und Schönheitsindustrie die Nachfrage nach Arganöl von Jahr zu Jahr steigt, ist der marokkanische Staat seit einiger Zeit bemüht, die Anbauflächen der Arganbäume massiv auszuweiten. So könnte nicht nur die bislang auf dem Rückzug befindliche Pflanze vor dem Aussterben bewahrt werden. Da die Arganie außerordentlich hitzeunempfindlich ist und äußerst wenig Wasser braucht, weil sie mit ihren Wurzeln bis zu 40 Meter tief in den Boden vordringen kann, ist sie ein idealer Kandidat, um dem Vorrücken der Wüste Einhalt zu gebieten, sie vielleicht sogar, wenigstens stellenweise, zurückzudrängen.

Auch in der Küche gewinnt Arganöl eine stetig wachsende Anhängerschaft. War es bis vor wenigen Jahren hierzulande noch kaum bekannt, finden inzwischen immer mehr Menschen, die Wert auf hochwertige Nahrungsmittel legen, Gefallen an diesem Öl, das in mancher Hinsicht beispielsweise mit Butter oder Olivenöl konkurrieren kann. Über manche Inhaltsstoffe (ungesättigte und mehrfach ungesättigte Ölsäuren und andere) gibt es unterschiedliche Einschätzungen. Es kann aber nichts darüber hinwegtäuschen, dass Arganöl schädliches Cholesterin und Glyceride im Blut verringern kann. Auch eine positive Auswirkung auf die Darmschleimhaut und damit eine Stärkung gegen verschiedene Erkrankungen wird als nachgewiesen betrachtet, ebenso eine mögliche Vorbeugung gegen Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Als wahrscheinlich gilt, dass Arganöl verschiedenen Krebsarten entgegenwirkt.

Verwendet wird Arganöl in der Küche vor allem für Salate. In der marokkanischen Küche wird vorzugsweise Brot in das Öl gestippt. Es lässt sich aber auch zum Kochen verwenden, beispielsweise für Couscous und für andere Gerichte. Arganöl hat einen leicht rauchigen, nussartigen Geschmack und verleiht Speisen eine besondere, angenehme Note.

Die Gewinnung des Öls aus den Früchten des Arganbaums war schon immer Frauensache. Der Baum liefert Früchte. In den Früchten befinden sich im Fruchtfleisch eingebettet steinharte Nüsse, und in diesen Nüssen liegen zwei, manchmal auch drei kleine Kerne, kaum größer als Sonnenblumenkerne. Die Frauen sitzen beisammen und zerschlagen mit primitivsten Mitteln – Stein auf Stein – die Nüsse, klauben die Samen heraus und gewinnen aus ihnen mit einem relativ komplexen weiteren Verfahren das begehrte Öl. Seit einigen Jahren wächst die Zahl von Kooperativen, die auch öffentlich gefördert werden, in denen sich inzwischen Tausende von Berberfrauen zusammenschließen, weil sie sich mit dieser Arbeit trotz für unsere Verhältnisse dürftiger Entlohnung ein für die Landesverhältnisse nicht unerhebliches Zusatzeinkommen verdienen können. Viele tragen auf diese Weise wesentlich zum gesamten Einkommen der Familie bei.

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